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Editorial

Der Tanz ums Goldene Kalb




Finanzkrise: Die Zauberlehrlinge

Es war im Sommer 2007, als der Präsident der Schweizer Nationalbank, Jean-Pierre Roth und sein Vize Philipp Hildebrand zu einer Pressekonferenz riefen. Die beiden Herren waren alarmiert über gewisse Vorkommnisse in der Finanzbranche und warnten eindringlich über die verheerenden Folgen einer Finanzkrise. Die Statements der beiden gut informierten Herren wurden denn auch über die üblichen Kanäle wie Schweizer Fernsehen und Tageszeitungen umfassend verbreitet, doch zur Kenntnis genommen hat sie niemand. Niemand! Auch nicht unsere Politiker und Manager, die heute in naiver Manier erklären, sie seien von diesem plötzlichen Urknall, mit dem die Finanzkrise über uns alle hereingebrochen ist, überrascht worden. Selbst ein Peter Spuhler, der bis Ende 2008 im Verwaltungsrat der UBS sass, wiederholt diese Leier gebetsmühlenartig landauf und landab. Landunter kommt vielleicht noch.

Ich erinnere mich an zwei Kernaussagen aus dieser Pressekonferenz. Roth verglich die «strukturierten Finanzprodukte» mit einer Fahrt auf der Autobahn. Ungefährer Wortlaut: «Auf unseren Autobahnstrassen ist ein Tempo von 120 km/h erlaubt. Bei schönem Wetter ist dieses Tempo in Ordnung. Fällt aber Regen, müssen wir das Tempo auf maximal 80 km/h drosseln.» Und weiter: «All diese neuen Finanzprodukte haben den Härtetest noch nicht überstanden.» Vizepräsident Hildebrand doppelte nach: «Gegen einen Crash der UBS wäre der Swissair-Crash ein Klacks.»

Wir waren also gewarnt. Von berufener Stelle. Nicht von irgendwelchen obskuren Systemkritikern, linken Weltverbessern oder von Neid Zerfressenen, nein, die zwei obersten Hüter unserer nationalen Währungsinteressen hatten sich eindringlich zu Wort gemeldet. Man fragt sich heute, warum Herr Bundespräsident Merz oder Frau Bundesrätin Leuthard diese Worte nicht gehört haben. Denn auch die beiden werden nicht müde zu betonen, sie seien von der Finanzkrise überrascht worden. Und ausgerechnet solchen Leuten trauen wir die Lösung der Probleme zu! Die Brandstifter als Feuerwehr? Das sollte uns zu denken geben.

Gestern wandte sich Philipp Hildebrand einmal mehr an das Schweizer Volk. Anlässlich eines NZZ-Podiumgesprächs redete der Vizepräsident der Schweizer Nationalbank Tacheles. In klaren, allgemein verständlichen Worten sinnierte er über die Schuldigen, unter denen er nicht nur die Banker findet, und um unseren «Tanz ums Goldene Kalb». Würden wir diesmal Hildebrand zuhören und die richtigen Schlüsse aus seinen Ausführungen ziehen, wüssten wir was zu tun ist. Doch wir befassen uns zu sehr mit dem Status Quo, den es um jeden Preis zu halten gilt. Mögen da auch ein paar Opfer vom Altar unserer ansonsten so hehren Gesinnung fallen.

Da trifft es sich gut, dass ich ausgerechnet gestern den Roman «Erhöre mein Flehen»* von Susanna Tamaro zu Ende gelesen habe. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei einer wunderbaren Freundin bedanken, die mich an die Werke von Susanna Tamaro herangeführt hat. Werke, die ich in meinem – ab und zu auftretenden Machogehabe – fälschlicherweise und ohne sie zu lesen als «Frauenliteratur» abqualifiziert hatte. Bei einigen Passagen, die ich Ihnen nachstehend nicht vorenthalten möchte, musste ich unwillkürlich an unsere schon lange schwelenden Gesellschaftskrisen denken. Als ich aber heute Hildebrands neuerliche Warnungen las, war der Link zu Susanna Tamaros gesellschaftskritischen Gedanken über «Allmachtsträume» und «Zauberlehrlinge» nicht mehr weit. Lesen Sie jetzt zwei Ausschnitte aus dem Roman von Susanna Tamaro. Joseph Birrer




Marta, die Hauptfigur des Romans, erzählt von ihrem Leben in einem israelischen Kibbuz und erinnert sich an die Worte ihres Onkels Gionata:




Gionata: «Weisst Du, was heutzutage Angst macht? Das sich immer stärker ausbreitende Allmachtsgefühl. Der Mensch ist überzeugt, er könne alles machen, weil er in einer künstlichen Welt lebt, die er eigenhändig aufgebaut hat und vollkommen zu beherrschen glaubt. Wer aber wie ich Bäume und Pflanzen züchtet, der weiss, dass es nicht so ist.

Um eine regelmässige Wasserversorgung zu garantieren, kann ich selbstverständlich eine ausgetüftelte Bewässerungsanlage einsetzen – auf diese Weise haben wir praktisch das ganze Land bebaut –, doch wenn es tagelang, monatelang, jahrelang nicht regnet, wird die verdorrte Erde irgendwann aufplatzen, die Pflanzen werden sterben und mit ihnen auch die Tiere. Wasser können wir nämlich nicht herstellen, verstehst du, ebenso wenig wie Sauerstoff. Wir sind in jedem Fall von etwas abhängig, was nicht in unserer Hand liegt: Wenn das Meer anschwillt, reisst es uns mit, wenn die Heuschrecken (!) einfallen, fressen sie die Ernte und die Knospen der Bäume genau wie zur Zeit der Pharaonen. Doch wir, im künstlichen Licht gefangen, wissen es nicht mehr.

Der einzige gesicherte Horizont ist der unserer Herrschaft über die Materie, mit immer raffinierteren Apparaten können wir immer mehr Krankheiten behandeln – und das ist natürlich ganz ausserordentlich –, doch dann frieren wir lebendige Schweine ein, um herauszufinden, ob es uns möglich ist, über einen ausgedehnten Zeitraum viele Male einzuschlafen und zu erwachen, kurzum, so zu tun, als würden wir jedes Mal sterben und wiedergeboren. Wir zerstückeln die Körper der Verstorbenen und legen sie als Ersatzteile in den Kühlschrank.

Meine Kniescheibe zum Beispiel bewegt sich fast gar nicht mehr, wegen der Arthrose, das Knie ist immer geschwollen, und das Gehen bereitet mir Mühe. Weißt du, was ein Arzt im Krankenhaus zu mir gesagt hat? «Wenn Sie wollen, könnten wir die Knieascheibe austauschen.» – «Und wo bekommt ihr die neue?», und er, seelenruhig: «In der Bank.»

Kurz und gut, irgendwo auf der Welt steht ein riesiger Kühlschrank, in dem alle Ersatzteile lagern: anstelle von Zucchini und Erbsen liegen Kniescheiben und Hände darin, Sehnen und Augen; sie warten darauf, ausgetauscht zu werden, wie Autotüren beim Mechaniker.

Ich habe den Gesichtsausdruck des Arztes bemerkt, als ich ihm geantwortet habe: Ich hinke lieber weiter, als einen Körper zu entweihen, hat er mich angesehen, als sei ich ein Fanatiker. Aber ich war noch nie fanatisch, in nichts. Zweifel und Ratlosigkeit begleiteten alle meine Schritte; ich wäre gern noch einmal umgekehrt, um ihm das zu sagen, dann begriff ich, dass es nicht der Mühe wert war. Geschlossene Räume machen die Menschen extrem engstirnig. Man muss sich im Freien aufhalten, um zugeben zu können, dass es etwas gibt, das du nicht verstehen kannst; sich dessen bewusst zu sein, ist keine Niederlage, sondern eine grossartige Möglichkeit.»




Marta besucht nach der Beerdigung ihres Vaters auf dem jüdischen Friedhof von Triest den katholischen Friedhof, um in der Familiengruft, wo ihre Verwandten begraben sind, ihren Gedanken nachzugehen und erinnert sich an ein Gespräch mit Miriam, einer Französin, die Auschwitz überlebt hatte.




Miriam: «Und wovon will man uns jetzt überzeugen, wenn nicht davon, dass unsere Gesellschaft so vollkommen werden kann wie die der Ameisen? Sind wirklich die Bienen und die Ameisen die Vorbilder, an die wir uns halten sollten? Haben wir etwa sechs Beine, Fühler, prismatische Augen?

Die Brände nach dem Ende des Kommunismus sind noch nicht erloschen, seine Wunden noch nicht verheilt, und schon verheisst man uns ein neues Paradies auf Erden: eine Welt ohne Krankheit und Tod, ohne Entstellungen und Unvollkommenheiten.

Das Paradies der Zauberlehrlinge. «Wir haben alles in der Hand», tönt es uns aus allen Fernsehern und Zeitungen der Welt entgegen, während doch jeder, der auch nur einen Moment lang innehält, um nachzudenken, weiss, dass wir nichts in der Hand haben: weder die Möglichkeit, auf die Welt zu kommen, noch den Augenblick des Todes (ausser man führt in selbst herbei), weder das Wasser, das vom Himmel fällt, noch die Erdbeben, die den Boden aufreissen.

Diese komplexen Zusammenhänge entgehen den Zauberlehrlingen, weil sie überzeugt sind, die paar Mikrometer Realität, über die sie in ihren keimfreien Räumen herrschen, seien das Universum. So mischen sie fröhlich im Namen des Fortschritts (den nur sie selbst und die multinationalen Konzerne sehen können, die ihre Patente darauf anmelden) das Erbgut der Arten, klonen Blumen, Tiere und klammheimlich in irgendeinem obskuren Labor bestimmt auch schon Menschen (wäre ja im Grunde genommen aus praktisch, eine Kopie von sich selbst zu haben, der man im Falle eines Defekts Ersatzteile entnehmen kann).

Ihre Waffe ist die sanfte Überredung: Sie manipulieren die Gutgläubigkeit der Menschen, indem sie ihnen einreden, dass all diese verheerenden Werke einzig und allein philanthropischen Zwecken dienen: Wie sollten die Milliarden von Armen in der Welt an Nahrung kommen ohne das neue Saatgut, das der Mensch für den Menschen erfunden hat? Ich aber sage, genügte denn nicht das, as der Herr erfunden hat, gibt es nicht schon eine ausserordentlich komplexe Vielfalt, die uns zu Gebote steht? Und ist es etwa nicht unsere Unfähigkeit, die Komplexität zu erkennen, die uns dazu treibt, neue Horizonte zu suchen, die in Wirklichkeit Todeshorizonte sind?

Wenn der Mensch von einer Welt ohne Schmerz, ohne Unvollkommenheit für den Menschen träumt, entrollt er in Wirklichkeit schon die Drahtzäune, teilt die Welt ein in Richtige und Falsche, wobei Letztere kaum mehr sind als ein Ballast, den man unterwegs loswerden muss.

Natürlich halte ich es mit Madame Curie – die Aufgabe des Menschen ist, den Menschen zu kurieren –, doch wenn die Kur zum Allmachtswahn wird, wenn sie sich mit dem Kampf um milliardenschwere Patente vermischt, dann hat sie nichts mehr mit dem gerechten Streben des Menschen gemein. Anstatt den grossen Versprechungen der Wissenschaft zu applaudieren, müsste man den Mut aufbringen, eine Frage zu stellen und die Unbeliebtheit Jeremias in Kauf zu nehmen: Was wird ohne Krankheit, ohne Zerbrechlichkeit, ohne Ungewissheit aus dem Menschen? Und in was verwandelt sich sein Nächster? Sind wir stets verbesserungsfähige Maschinen oder unruhige Geschöpfe im Exil? Liegt unser Sinn letztlich in der Allmacht oder darin, die Unsicherheit anzunehmen? Aus der Unsicherheit erwachsen Fragen; aus den Fragen kann sich ein Gefühl von Geheimnis, von Staunen entwickeln, was aber können Gewissheit und Allmacht hervorbringen?

Wollen sie den Menschen etwa nicht in einen alles fressenden, ewig zufriedenen Konsumenten verwandeln? Ich kaufe, also bin ich: Das ist der Horizont, auf den wir alle – fügsam wie Schafe – zusteuern, nur dass unser Ziel nicht der Stall, sondern der Abgrund ist; stets lauert der Götzendienst im Herzen des Menschen.

Unvorstellbare Katastrophen erwaten uns an der nächsten Ecke. Wie kann man daran denken, am Herzen des Atoms zu rühren, die DNS zu manipulieren und noch viel mehr? Während alle mit Kopfhörer auf den Ohren und geschlossenen Augen in künstliche Ekstase tanzen, sehe ich jeden Tag den Feuerschein des Endes näher rücken.»

«Kann man gar nichts tun?», fragte ich.

Miriam wandte sich zu mir um, blickte mich lange schweigend an – aus der Tiefe kam das Licht ihrer Augen? – und sagte dann: «Natürlich, man müsste bereuen, Herz und Verstand Seinem Wort öffnen. Die Götter verjagen, die schon zu lange in unseren Herzen tafeln.»




* Mit «Geh, wohin dein Herz dich trägt» (ISBN 978-3-8289-9347-1) schrieb Susanna Tamaro einen der ganz grossen internationalen Bestseller. Olgas Briefe an ihre rebellische Enkelin Marta bewegten weltweit Millionen Leser. Mit dem Roman «Erhöre mein Flehen» kehrte Tamaro 2006 zu ihren Figuren zurück. Marta muss den Tod ihrer Grossmutter verkraften. Plötzlich ist die 22-Jährige allein. Das Gefühl der Entwurzelung wird übermächtig, bedrohlich. Sie beginnt ihrer eigenen schmerzhaften Vergangenheit nachzuspüren und erkennt dabei, wo ihre Wurzeln liegen.

Susanna Tamaro wurde 1957 in Triest geboren und ist die Grossnichte von Italo Svevo, der als einer der führen italienischen Romanautoren des 20. Jahrhunderts gilt. Seit ihrem Weltbestseller «Geh, wohin dein Herz dich trägt» gehört sie zu den bekanntesten Gegenwartsautoren. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

6.2.2009




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