Nationaler Zukunftstag: Frauen in der Informatik

Fünf Frauen, ein Beruf: Sie lieben Mathematik und Informatik, werden täglich mit neuen Herausforderungen konfrontiert und bezeichnen sich selbstkritisch als leicht verrückt. Anja, Sarah, Michelle, Leonie und Julia* arbeiten in einem Cyber-Bereich des Zentrums elektronische Operationen bei der Führungsunterstützungsbasis der Armee. Anlässlich des bevorstehenden Nationalen Zukunftstags erzählen sie aus ihrem nicht ganz alltäglichen Berufsfeld.

Mitarbeitende des Zentrums für elektronische Operationen dürfen zu ihrem Schutz weder fotografiert noch mit ihrem richtigen Namen öffentlich genannt werden. Die Systemingenieurinnen und -ingenieure bei der Führungsunterstützungsbasis der Armee (FUB) analysieren täglich neue Bedrohungen und untersuchen den Aufbau von bösartigen Angriffsmustern. Dadurch können neue Hacking-Techniken identifiziert und die vorhandenen Abwehrmethoden getestet werden.

Fünf Frauen, fünf Werdegänge

Sarah (28) hat vor allem aus Neugierde Informatik studiert. Zu verstehen, wie Internet und Computer funktionieren, hat sie gereizt. Ihre Arbeitskollegin Julia (29) hingegen hat zuerst das Studium in Mathematik und zwei verschiedene Praktika abgeschlossen, bevor sie als Systemingenieurin zu arbeiten begann. Für sie war die Faszination des Hackens – also des verdeckten Eindringens in andere Computer und Netzwerke – der Grund, sich der Informatik zuzuwenden. Dass sie zu Beginn überhaupt nichts über die Thematik wusste, hat sie angezogen. Sobald in der IT-Welt eine neue Bedrohung auftaucht, müssen sich die Systemingenieurinnen das Wissen darüber grundsätzlich erst einmal aneignen.

Diese Möglichkeit, jeden Tag etwas Neues lernen zu können, schätzt auch Leonie (22). Die gelernte Kauffrau arbeitet Teilzeit und studiert nebenbei Informatik: «Ich wollte einen Job, der mich bis zur Pensionierung immer wieder aufs Neue begeistert. Ich glaube, den habe ich jetzt.» Dabei musste sich die junge Frau vor allem gegen die kritischen Stimmen aus ihrem unmittelbaren Umfeld behaupten: «Meine Familie war der Meinung, dass ich als Frau kein Talent für logisches Denken habe.» Obwohl es Mut gekostet hat, ignorierte Leonie diese Aussagen: «Ich habe mir gesagt: Eigentlich bin ich gut in Mathematik. Ich kann das!»

So verschieden die Werdegänge auch sind, eines hätten sie gemeinsam, betont Sarah: «Nach getaner Arbeit gehen wir nach Hause und setzen uns auch dort wieder an den Computer. Manchmal kriegen wir einfach nicht genug davon.» Julia fügt lachend hinzu: «Wir lieben unseren Job, und ja, wir sind wohl alle etwas verrückt.» Die Arbeitsbedingungen bei der FUB seien grossartig, schwärmt Anja (25), angehende Technikerin HF in Informatik. Einerseits hätten sie flexible Arbeitszeiten, andererseits können sie sowohl Ausbildung wie auch Familie mit dem Job unter einen Hut bringen.

Letzteres ist insbesondere für Michelle (40), Mutter von drei kleinen Kindern wichtig. «Ich kann 80% arbeiten, meine Abwesenheiten gut planen und habe keine strikt befohlenen Arbeitszeiten.» Bisher sei ihre Mutterschaft einem Weiterkommen im Beruf nie im Weg gestanden, so die 40-Jährige mit Doktortitel in Mathematik. Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben fliesse aber natürlich immer in die Stellenwahl mit ein. Nebst einer guten Planung sei auch ein Arbeitgeber wie die FUB wichtig, der Teilzeitarbeit und Flexibilität in der Arbeit gestatte.

Alte Geschlechterrollen sind verbreitet

Statistisch gesehen arbeiten auch heute noch deutlich weniger Frauen als Männer in IT-Berufen (Quelle: OECD, Eurostat). Das könne man ändern, sagt Sarah bestimmt: «Was wir machen, ist nichts super Kompliziertes. Informatik ist keine Raketenwissenschaft.» Anja stimmt ihrer Kollegin zu, dass ein Umdenken in der Gesellschaft notwendig sei: «Uns wird schon früh gesagt, was für Mädchen und Jungs geeignet ist. Doch dieses stereotype Denken muss aufhören.» Als Mutter kann Michelle dies nur bestätigen: «Der Schlüssel zur Veränderung, hin zur Gleichstellung von Mann und Frau, liegt in der Erziehung unserer Kinder.»

Genau hier knüpft auch der Nationale Zukunftstag an, der am 14. November stattfindet (siehe Kasten). Mädchen und Jungen begleiten in der Regel übers Kreuz ihren Vater oder ihre Mutter, wechseln so die Seiten und lernen dadurch untypische Arbeitsfelder sowie die Vielfalt ihrer Zukunftsperspektiven kennen. Der Nationale Zukunftstag fördert den Mut und das Selbstvertrauen junger Menschen, sich bei ihrer Berufswahl und Zukunftsgestaltung an ihren tatsächlichen Wünschen und Talenten zu orientieren und nicht an stereotypen Rollenvorstellungen. Sie sollen eines Tages wie Leonie sagen können: «Ja, ich kann das!»

* alle Namen der Redaktion bekannt

Quelle: Schweizer Armee

13.11.2019

Nationaler Zukunftstag

Entstanden ist der Nationale Zukunftstag 2001 als «Nationaler Tochtertag». Initiiert wurde er im Rahmen des Lehrstellenprojektes 16+ von der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten. Zu Beginn richtete er sich vor allem an Väter und Töchter. Mädchen begleiteten ihren Vater, Onkel oder Paten einen Tag lang zur Arbeit. Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums wurde der Tag 2010 umbenannt zum «Nationalen Zukunftstag – Seitenwechsel für Mädchen und Jungs». Der Zukunftstag will – wie sein Name sagt – die Zukunft gestalten. Mädchen und Jungen wechseln die Seiten; dadurch lernen sie untypische Arbeitsfelder und Lebensbereiche kennen und machen Erfahrungen fürs Leben. Auf diese Weise öffnen sich Horizonte und die Berufswahl wird zum Gesprächsthema in der Familie. Mädchen und Jungen bekommen Mut und Selbstvertrauen, ihre Zukunft losgelöst von starren Geschlechterbildern an die Hand zu nehmen. Der Nationale Zukunftstag fördert damit frühzeitig die Gleichstellung von Frau und Mann bei der Berufswahl und bei der Lebensplanung. Er ist ein Kooperationsprojekt zwischen Schule, Arbeitswelt und Elternhaus.

Nationaler Zukunftstag